Teilnehmer Höllencamp stemmen Baumstamm im Schlammbett

Das Höllencamp – Teil 2

Der Drill begann

… und wir mussten schnellstens lernen, uns in der Natur zurecht zu finden, Holz zu sammeln, Feuer zu machen, alles, was man braucht, um zu überleben. Disziplin brachte man uns bei, als wir den ersten Fünf-Kilometer-Marsch absolvierten. Wir waren zwar 11 Leute, doch nur sechs davon wurden eingeteilt, einen mächtigen Holzstamm mit geschätzten 130 Kilo auf den Schultern zu schleppen. Im Gleichschritt zu marschieren, kostete ungeheuer viel Kraft – bergauf, bergab. Wir mussten einen auswechseln, wenn jemand müde und kurz vorm Zusammenbrechen war. Ein schriller Pfeifton bohrte sich in unsere Ohren und jemand brüllte uns eine Nummer zu. Man hatte uns die Namen genommen, wir waren zu Nummern zwischen 1 und 11 mutiert und so wurden Frauen und Männer vollkommen gleichgestellt. Jede Frau macht alles, was der Mann macht. Jede Frau trägt so viel, wie der Mann trägt. Drei Frauen unter acht Männern, doch dass wir keine Sonderbehandlung bekommen würden, hatte man uns schon bei der Anmeldung klar gemacht.

Das Ausmaß der Härte

… wurde uns spätestens auf diesem ersten Marsch bewusst.
Danach ging es zu verschiedenen, ziemlich spektakulären Übungen: Eine davon war es, Angriffe abzuwehren. Dann kam der Sprung ins kalte Wasser, eine meiner ganz schwachen Seiten. Es war fast dunkel. Wir waren schon erschöpft. Draußen war es vier Grad kalt, als wir in einen Kanal voll mit Dreckwasser springen mussten. Der Kanal war lang. Die Tiefe konnte ich nicht schätzen, weil ich nicht mehr stehen konnte. Am Ende des Kanals war eine Wand mit einem Seil bespannt, und die Herausforderung war es, uns mit den ganzen Klamotten und mit bleischwerer Weste, am Seil hochzuziehen. Die Kleinsten mussten vorausgehen, also bin ich als erste drangekommen. Die Größeren sollten helfen, die Schulter bieten. Jeder hat jedem geholfen, aber es war fast nicht zu schaffen, mit der Schwere der drecknassen Klamotten, den schweren Boots und der ballistischen Weste die glatte, weiße hochzukommen. Anfangs hatten wir noch Kraftreserven. Ich war die erste, die oben war und habe mich so hingestellt, dass ich die anderen mit bloßen Händen hochgezogen habe.
Das Wasser war eiskalt, wir haben gefroren, doch in so einem Moment hast du keinen Gedanken an Kälte und Schmerzen in deinem Kopf. Du denkst an gar nichts, machst einfach nur weiter. Die, die sich nicht trauten, mussten wir Mut zusprechen. Einige wollten aufgeben. Doch aufgeben war keine Option. Wir mussten uns der Disziplin beugen, und haben uns gegenseitig unterstützt bis alle oben waren. Glücklich und erschöpft. Danach ging es weiter mit Marschieren. Es gab keine Pausen, kein Trocknen der Klamotten. Wir mussten weitere Übungen machen, schwierigste Parcours durchlaufen. Bis dahin hatten wir noch nichts gegessen.


Nasse Klamotten, kein Schlafsack, keine Wärme

Erst nach für prall gefüllten Stunden duften wir in unser Lager, aber erst nachdem wir Holz gesammelt und Feuer gemacht hatten. Die nassen Klamotten in der Kälte auszuziehen, war die nächste Herausforderung. Wir bekamen nur eine dünne Decke, keinen Schlafsack und damit keine Chance, sich aufzuwärmen. Aber wir durften uns ums Feuer legen, als es endlich brannte, und konnten die brennende Kälte abschütteln. Unsere Klamotten hängten wir auf die Äste, ganz nahe am Feuer, in der Hoffnung, dass sie über Nacht wenigsten etwas trockneten. Doch das funktionierte nicht, einige Overalls fingen Feuer, weil wir sie zu nahe ans Feuer gehängt hatten. Wir haben die Stärke des Feuers unterschätzt, doch in so einer Extremsituation lernst du ganz schnell.
Wir haben zwar erkannt, wie wir es besser machen, aber die Stunden in der eiskalten Nacht rechten nicht, um die Feuchtigkeit aus den Klamotten zu bringen. Die Sachen schaffen es nicht zu trocknen, eine Katastrophe, wenn Du nichts zum Umziehen hast, nur ein paar Socken und ein Oberteil. Wir waren ohne Hose, die Decke um die Hüften gewickelt. Dann kam ein Knall, ein Angriff. Es war schon stockdunkel und wir hatten genau fünf Minuten, um uns fertigzumachen und uns in Reihe und Glied vor dem Ausbilder in Position zu stellen.  

Es ging brutal weiter, ohne nachzudenken

In den halbnassen Schuhen, den halbnassen Hosen, der halbnassen Jacke. Keine angenehme Situation. Es musste etwa Mitternacht sein, geschätzt, denn man hatte unsere Uhren genommen. Das Gefühl für Zeit verlor ich langsam aus den Augen. Das Ziel dieser nächsten Übung war ein Psychospiel: Wir wurden entführt. Uns wurden die Augen verbunden. Wir gingen einer nach dem anderen, mit den Händen an der Schulter des Vordermanns in einer Reihe und mussten uns gegenseitig führen. Wir gingen in einen Bunker, in dem es unerträglich laut war. Eine kreischende Polizeisirene. Laute, scheppernde Geräusche. Wir standen mit den Rücken an der Wand. Ausgestreckte Hände und Füße. In diesen nassen Klamotten, im kalten Bunker, mit verbunden Augen. Ungefähr eine halbe Stunde. Meine Hände begannen zu schmerzen, ich durfte sie nicht herunternehmen, die Füße auch nicht.

Eingesperrt im Bunker und der mentale Terror begann

Mir schossen Gedanken in den Kopf, dass mental schwache Menschen das nicht aushalten könnten. Bis jetzt war es nur körperlich anstrengend, jetzt begann der mentale Terror. Wir wurden im Bunker eingeschlossen. Drinnen lag eine Matratze, Toilettenpapier und vier Leuchtstäbchen. Weil wir gefroren und nichts gesehen haben, fragten wir uns, was das bedeuten solle. Uns wurde beigebracht, dass wir als Team zusammenarbeiten müssen. Also haben wir die Matratze an die Wand gelehnt, und uns im Stehen gegenseitig umarmt, um einander Wärme zu geben. Wir standen eine weitere Stunde da. Einige wollten im Stehen einschlafen, andere haben gezittert. Ich wusste, dass es genau in dieser Situation darauf ankommt, mentale Stärke aufzubauen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit war der Spuk plötzlich vorbei, unsere Augenbinden wurden abgenommen, wir durften den Bunker verlassen und mussten zurück ins Lager marschieren, in der Hoffnung, nun endlich ein wenig schlafen zu dürfen. Durften wir, aber nur drei kurze Stunden, immer noch in nassen Klamotten, denn die Decken waren zu dünn, um sich ausgezogen darunter zu legen.

Nach drei ganzen Stunden Schlaf in nassen Klamotten

Wir lagen auf einer Plane, die wir mit Stroh bedeckt hatten, um das um das Feuer herum. Zum Essen gab es eine Dose Tunfisch und ein Stück Brot, beides mussten sich zwei Leute teilen. Dazu gab es noch einen kleinen Keks. Keiner bekam mehr, keiner weniger, alle bekamen gleich wenig. Der zweite Tag, Samstag begann nach dem Morgengrauen mit einer Ansage. Wir sollten uns anzuziehen, die Körperwärme hatte über Nacht die Sachen einigermaßen getrocknet. Es war etwas wärmer, so um die zehn Grad.
Wir machten uns startklar für den ersten Parkour, der total militärisch angelegt war: ein Netz besteigen, von der Höhe absteigen, eine drei Meter hohe, glatte Wand überwinden, einen Stacheldrahtzaun herunterklettern, in einen Bunker gehen, sich auf den Knien durch die labyrinth-artig verbundenen Räume bewegen. Dann ging es raus, einen Berg hinauf, das Gleichgewicht haltend auf einen Baum klettern. Reifen hinter dir herziehen, eine sperrige Bank in der Höhe von zwei Metern überwinden. Das bedeutete, Du musst dich hochziehen, herüberkommen, unten abspringen. Auch für mich eine sehr große Herausforderung.
Meine Kräfte schwanden, ohne Essen, ohne ausreichend Schlaf. Es breitete sich langsam jedem eine mentale und physische Erschöpfung aus, doch wir mussten es alle schaffen, den Parcours zu überwinden. Wir haben uns natürlich gegenseitig geholfen. Aufgeben gab es nicht, aber miteinander haben wir es geschafft, wenn auch mit vielen blaue Flecken, Schürfwunden, Verletzungen. Ich hatte mir mein Knie aufgeschlagen und das hat richtig weh getan. Doch ich schaffte es, den Schmerz auszublenden und wollte nicht die erste sein, die sich medizinisch betreuen lässt.

Und weil es nicht genug war, noch einmal von vorne

Dann kam die Ansage, den Parcours ein zweites Mal als Team zu machen. Wir dachten zuerst, wir hätten uns verhört, aber solchen Gedanken durften wir keine Macht geben. Wir hatten keine Kraft mehr. Wir dachten, wir schaffen es nicht mehr. Doch es gibt immer noch Reserven, die du mit mentaler Kraft aktivieren kannst. Immer wenn du glaubst, du kannst nicht mehr, hast du noch 40% Energie. Das hat mich das Höllencamp gelehrt.
Also haben wir den ganzen Parcours mit allen seinen Hindernissen noch einmal gemacht, haben uns alle gegenseitig unterstützt und – haben es alle geschafft. Mit allerletzter Kraft. Mein Knie schmerzte höllisch. Ich konnte nicht mehr gehen, habe mich beim Arzt gemeldet und ihn gebeten, sich mein Knie anschauen und zu stabilisieren. Als Sportlerin liegt meine Schmerzgrenze relativ hoch und ich kann sehr gut einschätzen, ob ich trotz Verletzung weitermachen kann oder nicht. In diesem Moment wollte ich auf keinen Fall aufgeben, blendete den Schmerz aus. Die Diagnose des Arztes: Wasser im Knie gehabt, starke Schwellung. Wir mussten meine Hose aufschneiden, um einen Verband anzulegen und das Knie zu stabilisieren.


Wie sollte ich den Rest der Zeit nur überstehen?

Wie es weiterging, erfahrt Ihr in Kürze im 3. und letzten Teil

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